Mega-Cities, Staus und ein rasantes Wachstum des Onlinehandels – was bedeutet das für die letzte Meile? Professor Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor des Research Lab for Urban Transport an der Frankfurt University of Applied Sciences, setzt sich intensiv mit der letzten Meile auseinander. Seine Prognosen erfahren Sie hier.

Von Ina Kaifi





Professor Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor des Research Lab for Urban Transport an der Frankfurt University of Applied Sciences, hat das Research Lab for Urban Transport (ReLUT) ins Leben gerufen. Hier wird die letzte Meile der Zukunft erforscht. Ziel ist es, mit Partnern aus Wissenschaft und Praxis Lösungen zu entwickeln, um die Lebensqualität in den wachsenden Städten zu verbessern. Diese fünf Trends bestimmen seiner Meinung nach die nähere Zukunft:


Trend 1: Die Zukunft der letzten Meile ist experimentierfreudig

Die letzte Meile birgt viele Herausforderungen – und viele Chancen. „Am Ende steht der Endverbraucher. Er erwartet, dass das Paket genau, wie vorher von ihm festgelegt, geliefert wird“, so Prof. Schocke. „Dem steht gegenüber: die jährlich um etwa zehn Prozent steigende Menge der Pakete, die an private Kunden verschickt werden.“ Hier entsteht die große Herausforderung. Dass Liefer-Lkws, die ständig im Stau und in zweiter Reihe stehen, keine Dauerlösung sind, liegt auf der Hand. Aber was ist die Lösung?


„Parkhäuser sind geniale temporäre Logistikflächen!“

Professor Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor des Research Lab for Urban Transport an der Frankfurt University of Applied Sciences

Das Last-Mile-Lab ReLUT entwickelt unter Schockes Federführung Alternativen für den Paketversand. Ein Beispiel: das Projekt „LastMileTram“ in Frankfurt. In Kooperation mit dem Lieferdienstleister Hermes werden testweise Trams am Stadtrand mit einem Container mit Paketen beladen. An bestimmten Haltestellen wird der Container entladen und komplett von einem Lastenfahrrad übernommen. „In vielen Vierteln ist die Belieferung per Fahrrad kostengünstiger als per Sprinter – und umweltfreundlicher.“ Zwar können aufgrund ihres Gewichtes nicht alle Pakete per Rad geliefert werden, aber laut Schocke immerhin 70 bis 80 Prozent.

Liegt die Zukunft der Paketzustellung auf Schienen? Laut Professor Dr. Kai-Oliver Schocke liegt hier großes Potenital. (Foto: Adobe Stock)

Auch die Wirtschaftlichkeit von „LastMileTram“ berechnete das Lab – Ergebnis: die Zukunft der letzten Meile könnte, zumindest teilweise, auf Schienen liegen. Ein weiterer Vorteil: Zum Entladen wird nur wenig Platz benötigt. Denn Logistikflächen sind in Städten knapp. Aber auch hier gibt es Potenzial an ungeahnten Stellen: „Wir haben uns die Parkhäuser in Frankfurt und Köln angeschaut und festgestellt, dass sie – mit Ausnahme der Adventssamstage – maximal bis zu 80 Prozent gefüllt sind.“ Die Leerstellen könnten genutzt werden: Lkws könnten hier Container abliefern und Fahrradkuriere die Pakete für die lokale Belieferung übernehmen. „Parkhäuser sind geniale temporäre Logistikflächen!“

Diese Beispiele stehen für eine Flut an Ideen und Projekten, die zeigen, dass die letzte Meile noch viel Neues bringen wird: Seilbahnen könnten Pakete in die Städte hineintransportieren, Tunnel unter dem Stadtverkehr für schnellere Lieferung sorgen oder eben Trams als Transportmittel dienen. Nach Schocke führt aber nicht die eine Methode zum Ziel. Die letzte Meile der Zukunft wird vielseitig sein. Sein Fazit: „Es wird keine Universallösung geben.“



Trend 2: Pick-up statt Lieferung nach Hause – denn die Letztere wird etwas kosten

Orte, an denen Kunden ihre Pakete selbst abholen können, werden nach Schocke in Zukunft sehr beliebt sein. Der Logistik-Professor prognostiziert urbane Mobilitätspunkte, wie es sie in Hamburg an der S- und U-Bahn-Haltestelle Berliner Tor bereits gibt, „Pick-up-Points an Umschlagpunkten, an denen man außerdem von der S-Bahn auf das Leihfahrrad oder ins E-Mobil wechselt – und auch sein Paket abholt bzw. abgibt“.

Auch Kioske oder Läden mit langen Öffnungszeiten, wie die Berliner „Spätis“, in denen man Lebensmittel, Getränke und Zeitungen kauft und die oft auch nachbarschaftliche Treffpunkte sind, könnten solche Orte werden.


 „Unsere Idealvorstellung: Man hat ein lokales Depot, gern auch einen Paketshop. Dort können Sie Ihr Paket abholen oder abgeben – und einen Kaffee trinken können Sie hier auch.“

Professor Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor des Research Lab for Urban Transport an der Frankfurt University of Applied Sciences

Die Lieferung nach Hause wird weiterhin gefragt sein, aber sie wird den Kunden etwas kosten. In diesem Zusammenhang wird laut Schocke auch der lokale Handel eine größere Rolle spielen als heute. Er könnte sowohl stationärer als auch E-Commerce-Shop sein und seine Ware an die Nachbarschaft ausliefern. „Gerade ältere Menschen, die häufig nicht dazu in der Lage sind, ihr Haus zu verlassen, könnten von so einer Möglichkeit profitieren“, so Schocke. „Die Zustellung in Verbindung mit dem lokalen Handel könnte ein großer Markt werden.“ Schockes Idealvorstellung: „Man hat ein lokales Depot, gern auch einen Paketshop. Dort können Sie Ihr Paket abholen oder abgeben – und einen Kaffee trinken können Sie hier auch.“



Trend 3: Die letzte Meile wird nachhaltiger

Die Bestrebungen gehen allesamt dahin, auf der letzten Meile umweltfreundlicher zu agieren. Schon jetzt haben zahlreiche Lieferdienste auf Elektro umgestellt. Es werden immer mehr Lastenfahrräder zum Einsatz kommen und die von Schocke erwähnten Alternativen, wie Trams oder Seilbahnen (s. Trend 1), die ebenfalls weit ökologischer sind als Diesel-Lkws, die heute noch im Einsatz sind.

Lastenfahrräder sind die Zukunft auf der letzten Meile. Schon heute sieht man viele in den Städten Pakete ausliefern. (Foto: Adobe Stock)

 „Für einen Paketfahrer ist es kein Spaß, dauernd die Treppen hoch- und runterzulaufen.“

Professor Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor des Research Lab for Urban Transport an der Frankfurt University of Applied Sciences

Auch die Ressource Mensch denkt Schocke mit, denn Nachhaltigkeit muss ganzheitlich betrachtet werden: „Für einen Paketfahrer ist es kein Spaß, dauernd die Treppen hoch- und runterzulaufen – voll bepackt –, Leute nicht anzutreffen, viele Pakete nicht loszuwerden, im Halteverbot zu stehen und angefeindet zu werden.“ Deswegen plädiert der Forscher für angemessene Arbeitsbedingungen, die mit nachhaltigen Lösungen und mit einer angemessenen Bepreisung der Lieferdienstleistung einhergehen.

Auch beim Thema Retoure kann mehr Nachhaltigkeit erzielt werden – indem weniger zurückgeschickt wird. Der Grund für die signifikante Retouren-Rate sei, dass Marktführer kostenfreien Versand sowie Retoure anbieten. Das wird sich in Zukunft laut Schocke höchstwahrscheinlich ändern. Genau wie der Paketversand direkt nach Hause (s. Trend 2) wird voraussichtlich auch der Rückversand seinen Preis haben – und automatisch die Retouren-Quote senken.

Insgesamt sei E-Commerce nicht umweltschädlicher als der Gang zum Händler in die Innenstadt – sofern nachhaltig geliefert wird. „Untersuchungen haben gezeigt, dass der Versand eines Paars Schuhe, etwa per Fahrradlieferung, einen kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlässt, als wenn man etwa mit dem Auto ins Schuhgeschäft in die Stadt fährt.“



Trend 4: Raus aufs Land

In Zukunftsvisionen sind es oft Drohnen oder Liefer-Roboter, die in hoher Anzahl über Städten kreisen und dort viele Kunden beliefern. Schocke hält das für unrealistisch. Allein für die große Menge der Pakete seien Drohnen als Zusteller nicht geeignet. Anders sehe es jedoch im ländlichen Raum aus. Hier könne die Drohne nützlich sein, etwa zur Belieferung von Medikamenten.Die Lieferung auf dem Land sicherzustellen, sei ohnehin eine ganz eigene Herausforderung, die natürlich auch einen anderen Fokus braucht. Schließlich liegen zwischen den einzelnen Abladestellen oft nicht zwei Minuten Fußweg wie in der Stadt, sondern 20 Minuten Fahrtzeit. Aber auch auf der ländlichen letzten Meile sieht Schocke jede Menge Raum für Innovationen. Ein Beispiel ist das Projekt Landlogistik im Bundesland Brandenburg. Hier übernehmen Busse den Paketversand. Das funktioniere sehr gut und sei somit zukunftsweisend.


 „Der ländliche Raum wird durch neue Lieferlösungen an Attraktivität gewinnen.“

Professor Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor des Research Lab for Urban Transport an der Frankfurt University of Applied Sciences

Außerdem könne es sich beim Landversand lohnen, lieferdienstübergreifend zu agieren, sodass der eine Carrier etwa an speziellen Wochentagen übernimmt und ein anderer an anderen. Oder dass Lieferdienste sich in Gemeinden aufteilen. „Hier muss die Politik moderieren, denn es handelt sich ja immerhin um Wettbewerber.“ Eine clevere Gestaltung des Versands auf der letzten Meile könne in Zukunft sogar mehr Menschen dazu bewegen, ein Leben außerhalb der Metropolen zu führen. Denn wer die Dinge, die er zum alltäglichen Leben braucht, zuverlässig erhält, könne sich eher mit dem Landleben anfreunden. Schocke: „Der ländliche Raum wird durch neue Lieferlösungen an Attraktivität gewinnen.“



Trend 5: Die Politik muss an den Start

Trend 5 – so Schocke – sei eher ein Statement oder auch eine Aufforderung. Nämlich an die Politik. „Was aus meiner Sicht die Erfolgsquote der unzähligen Last-Mile-Projekte immens steigern würde: wenn die Politik die Verantwortung für ein nachhaltiges Stadtleben tatsächlich auch annehmen würde. Wenn man sich viel strategischer der Fragen annehmen würde, wie sich Personen von A nach B bewegen, und auch die Notwendigkeit sehen würde, dass die Bevölkerung versorgt werden muss.“


„Wenn Städte den Mut haben, Mobilitäts- und Logistikkonzepte der Zukunft tatsächlich mal auszuprobieren, dann kann aus kleinen Keimzellen immer mehr werden.“

Professor Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor des Research Lab for Urban Transport an der Frankfurt University of Applied Sciences

Die Politik müsse die Rahmenbedingungen festlegen, damit sich alle Beteiligten daran ausrichten können. „Wenn Paketdienstleister aufgrund eines Gesetzes nur noch E-Fahrzeuge fahren dürfen, dann wird das auch passieren“, so Schocke. Eine Ladenbesitzerin in der Innenstadt hat jedoch vielleicht seit zwanzig Jahren einen Diesel-Transporter und kann sich kein neues Fahrzeug leisten – auch für sie brauche es eine faire Lösung.

Ein selbstregulierendes System funktioniert laut Schocke nicht. Aber: „Wenn Städte den Mut haben, Mobilitäts- und Logistikkonzepte der Zukunft tatsächlich mal auszuprobieren, dann kann aus kleinen Keimzellen immer mehr werden.“


„Verlässlichkeit ist wichtiger als eine schnelle Lieferung.“

Professor Dr. Kai Oliver Schockes Tipp an die E-Commerce-Branche:

„Als Händler müssen Sie sich überlegen, wie Sie das Lieferversprechen einhalten können. Die Verlässlichkeit ist wichtiger als eine schnelle Lieferung. Für Kunden ist es besser zu wissen: ‚Mein Paket kommt in drei Tagen‘, als es heute zu erwarten, und dann kommt es doch nicht, weil etwas schiefgegangen ist. Dieses Thema sollte man in den Griff bekommen.“


Facts

  • Einer Umfrage zufolge finden 60 Prozent der Befragten neutrale Depots im städtischen Umfeld sehr attraktiv.

    (Quelle: Hagen et al. (2020) Potenzialanalyse zur Umsetzung eines zentralen Depots mit dem Ziel einer umweltfreundlichen und gebündelten Auslieferung von Paketen auf der letzten Meile. Abschlussbericht. Frankfurt University of Applied Sciences)
  • Laut dem Beratungsunternehmen McKinsey wird der E-Commerce-Markt bis zum Jahr 2030 weltweit jährlich um 10 Prozent wachsen, übrigens fünfmal schneller als der stationäre Handel: Der Anteil des Onlinehandels wird von heute 9 Prozent auf 25 bis 30 Prozent ansteigen.

    (Quelle: McKinsey)
Foto: U. Wolf FRA UAS

Zur Person

Professor Dr. Kai-Oliver Schocke ist Professor für Logistik und Produktionsmanagement, Dekan des Fachbereichs Wirtschaft & Recht, Leiter des Studiengangs Global Logistics (M.Sc.) und Direktor des Research Lab for Urban Transport (ReLUT) an der Frankfurt University of Applied Sciences. Nach seinem Studium an der TU Darmstadt und der Université Louis Pasteur, Strasbourg, war er 14 Jahre lang bei der Degussa AG (heute: Evonik Industries AG) in Leitungsfunktionen in Produktion, Logistik, Marketing sowie in Ergebnisverantwortung für eine PLEXIGLAS® Product Line tätig. 2007 startete er seine universitäre Karriere als Professor für E-Commerce und SCM an der FH Worms und folgte 2011 dem Ruf der Frankfurt University of Applied Sciences (FRA UAS). Weitere Infos finden Sie hier und Infos zum ReLUT hier.

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